Anmerkungen zu Fernão Lopes, Teil 1

Dieser Artikel ist Stückwerk. Das zeigt, wie enorm vielschichtig selbst eine so überschaubar scheinende Episode der Geschichte sein kann. Eine erschöpfende Zusammenstellung aller Stränge der Überlieferung übersteigt meine Möglichkeiten. Auch diese Episode gäbe genug für eine ganze Dissertation her, das kann ich natürlich nicht leisten – zumal neue Projekte warten, die ich gern angehen möchte. Ich hoffe aber, ich kann ein Stück weit aufzeigen, wie spannend Geschichte immer wieder ist, egal an welcher Stelle man näher hinschaut.

Zur Entstehung des Artikels

Soweit ich herausfinden konnte, wurde die Geschichte des Fernão Lopes noch nicht auf Deutsch erzählt. Ich fand sie in der englischen Wikipedia, schön geschrieben, kurz und ergreifend (und nicht ganz korrekt). Selbst den Portugiesen scheint ihr Landsmann heute kaum mehr bekannt zu sein: der portugiesische Artikel ist nur eine Übersetzung des englischen.

Zuerst wollte ich den englischen Artikel für dieses Blog einfach übersetzen, weil er mir in der Form gut gefiel. Aber natürlich wollte ich auch die Quellen lesen, und da wurde schnell klar, dass die Sache vielschichtiger ist. Also habe ich versucht, aus der verfügbaren Literatur das Ganze neu zu erzählen – zumal ich keine gute deutsche Version der Geschichte finden konnte, die über ein paar kurze Sätze hinausgeht. Auch eine Roh-Übersetzung des Wikipediaartikels ist in den Text mit eingegangen und wird hier und da noch sichtbar. Es ist also auch eine Art Remix aus früheren Versionen der Erzählung. Eine kanonische Form gibt es nicht, dazu weichen viele Details zu sehr voneinander ab. Einige zentrale Passagen habe ich – wie andere vor mir – fast unverändert aus den Vorlagen übernommen, ich wollte nicht jede Einzelheit neu formulieren, weil das auch immer eine weitere Schicht der Interpretation hinzufügen würde.

Zur Überlieferung

Schon im sechzehnten Jahrhundert berichten Historiker über Fernão Lopes, oft nur in Form einer Anekdote am Rande der Heldentaten des Afonso de Albuquerque. Die ausführlichste Version fand ich in den Lendas da India des Gaspar Correia (ca. 1492–1563). Die Manuskripte dieses monumentalen Werkes verschwanden seinerzeit in einem Privatarchiv und wurden erst im späten neunzehnten Jahrhundert erstmals veröffentlicht, was den Schluss nahelegt, dass die ganze Geschichte vor diesem Zeitpunkt nahezu unbekannt war.

Ich habe mich im großen und ganzen an die Version gehalten, die einige Jahre später der britische Kolonialgouverneur Sir Hugh Charles Clifford niederschrieb: The Earliest Exile of St Helena, erschienen 1903 in Blackwoods Edinburgh Magazine. Er beruft sich weitgehend auf Correia, nennt aber als Quellen auch einen Castanheda und einen „author of the Commentaries“. Bei ersterem handelt es sich um den Historiker Fernão Lopes (!) de Castanheda (ca. 1480–1559). Hier haben wir also einen Namensvetter unseres Protagonisten – nicht zu verwechseln mit dem anderen portugiesischen Historiker namens Fernão Lopes; der lebte hundert Jahre früher, kann also nicht zu unserer Geschichte, wohl aber zur allgemeinen Verwirrung beitragen (bei Web- und Archivsuchen zum Beispiel).

Den „author of the Commentaries“ nennt Clifford nicht namentlich. Wahrscheinlich meint er Brás de Albuquerque, der 1557 die Comentários de Afonso de Albuquerque, eine Biografie seines Vaters, verfasste. (Dazu würde die Bemerkung Cliffords passen, dass jener Autor offenbar immer bemüht war, den großen Albuquerque im bestmöglichen Licht darzustellen.) Bei den online verfügbaren Versionen des Buches wird Afonso scheinbar selbst als Autor benannt, doch in der Einleitung der Hakluyt-Ausgabe (1875) erfährt man, dass Brás nach dem Tod seines Vaters dessen Namen annahm und fürderhin selbst Afonso hieß.

Hugh Cliffords Text ist lesenswert. Es ist gleichzeitig eine Erzählung – im pathetischen und romantischen Stil der damaligen Zeit – und eine historische Abhandlung. Er diskutiert zum Beispiel auch die Beweggründe von Albuquerque und er weist darauf hin, dass ähnliche Gräueltaten – aus viel nichtigeren Gründen – gegenüber der indigenen Bevölkerung Asiens gang und gäbe waren und dass es nur den „unausrottbaren Vorurteilen“ der Europäer geschuldet sei, dass dieser eine Vorfall, bei dem es ausnahmsweise einen Europäer betraf, soviel mehr Aufmerksamkeit bekam, so dass er in den zeitgenössischen Chroniken verewigt wurde.

Zu meiner Freude habe ich festgestellt, dass ich mit meinen Spanischkenntnissen (und ein bisschen Brasilianischem und Kap-Verde-Portugiesisch) tatsächlich imstande bin, auch die alten portugiesischen Historiker im Original zu lesen. Auch wenn es sehr mühselig ist und lückenhaft bleibt – es eröffnet mir einen ganz neuen Kosmos an Quellen!

Der „St.-Helena-Zweig“ der Überlieferung

Auf St. Helena selbst wurde die Geschichte lange Zeit ganz anders erzählt, erst in neuerer Zeit wurde die allgemein als gültig erachtete Version übernommen. In seiner History of the Island of St Helena von 1808 berichtet ein T. H. Brooke, Regierungsbeamter der Insel, Fernão Lopes habe nur ca. vier Jahre auf der Insel gelebt, zudem sei er mit mehreren afrikanischen Sklaven dort ausgesetzt gewesen. Er bezieht sich vage auf Roggeveen, einen niederländischen Seefahrer (1659–1729), bekannt als Entdecker der Osterinsel. Die Textstelle habe ich nicht finden können.

In der Ausgabe von 1824 ist nur noch von einem Sklaven die Rede, und die Dauer des Aufenthalts wurde länger angegeben. Noch 1852 wurde jedoch die erste Version von einem Reverend weiterverbreitet, der die Lebensgeschichte eines Missionars erzählte … (Incidents In The Missionary Life of Rev. James M Gregor Bertram, Of St. Helena. By Rev. Edwin F. Hatfield, D.D.)

Namenswirrwarr

Interessant, wie viele Versionen eines Namens man in den verschiedenen Quellen finden kann. Als Beispiel folgt hier eine kleine Liste der Namen, mit denen der Befehlshaber des Forts Benastarim bezeichnet wurde:

  • Rasul Khan (heutige englische Version)
  • Roçalcão (Lendas, Clifford) (Phonetisch sehr ähnlich zur englischen Version: Rossal-Kao bzw. Rossal-Con, weil das portugiesische „ão“ eher wie das französische „on“, z. B. in „Flacon“ gesprochen wird.)
  • Roztomocan (Decadas)
  • Rosto Mocus (Brooke 1808)
  • Rotzomo Cam (Brooke 1824)

(Dass das lateinische Mucus, bzw. das spanische/portugiesische Moco „Rotz“ bedeutet, ist sicher nur Zufall …)

Zu weiteren Tücken der Archivrecherche habe ich ebenfalls was in Arbeit.

Neuere Erkenntnisse

Erst nachdem ich die ganze Geschichte aufgeschrieben hatte, stieß ich auf ein aktuelles Buch über Fernão Lopes: The Other Exile: The Remarkable Story of Fernão Lopes, the Island of St. Helena and a Paradise Lost von Abdul Rahman Azzam. Ich hatte es schon während meiner Recherchen am Rande irgendwo bemerkt, hielt es aber zunächst fälschlicherweise für irgendeine im Selbstverlag publizierte Privattheorie. Das Buch ist von 2017 und der Autor ist ein Historiker der Oxford University. Das ist die wohl detailierteste Biografie bisher, und sie enthält einige neue Details, die ich noch nirgendwo anders gefunden habe.

Zunächst war ich skeptisch ob der Detailfülle dieser Biografie, die die mir verfügbaren Quellen bei weitem nicht hergeben. Aber der Autor scheint ja durchaus seriös zu sein, und hat als Historiker natürlich ganz andere Möglichkeiten der Recherche als ich, der ich auf die öffentlichen Archive des Internets beschränkt bin.

So berichtet Azzam, es habe schon 1515, also unmittelbar nach dem Tode Albuquerques, eine Amnestie für die Abtrünnigen gegeben:

Der neue Gouverneur, Lopo Soares de Albergaria, der sich bereits seit drei Monaten in Indien aufhielt, brachte eine königliche Begnadigung für die portugiesischen Abtrünnigen, darunter Fernão Lopes, mit. Es war kein Zufall, dass die Begnadigung unmittelbar nach dem Tod Albuquerques erfolgte, denn lebend hätte er sich wahrscheinlich geweigert, sie umzusetzen. Doch nun, so verkündete Lissabon, sei alles vergessen, und Lopes könne nach Portugal zurückkehren, um mit seiner Frau und seinem Sohn, die er zehn Jahre lang nicht gesehen habe, wieder vereint zu werden.
(Übersetzt mit Hilfe von DeepL)

Da stellt sich natürlich die Frage neu, warum Lopes auf St. Helena geblieben ist. Aber über solcherart persönlicher Beweggründe kann man nach so langer Zeit nur noch spekulieren.

Zudem stellt Azzam die Theorie in den Raum, Lopes sein ein cristão-novo gewesen, also ein Neu-Christ, d. h. ein nach der Reconquista zwangskonvertierter Maure. Das könnte natürlich seinen (erneuten) Abfall vom christlichen Glauben in Indien erklären. Mein Gesprächspartner bei Wikipedia, der mich auf jenes Buch aufmerksam machte, hält das allerdings für unwahrscheinlich, da seiner Meinung nach kein Portugiese einen ehemaligen Mauren als Befehlshaber akzeptiert hätte. (Thank you, Wareno!)

Die Geschichte dieser Geschichte ist also nicht zuende, und ich werde mir das Buch wohl zulegen müssen, wenn ich sie weiter verfolgen will.

Eigene Spekulationen

Mich hat an der Geschichte besonders verwundert, wie freundlich die portugiesischen Seeleute Fernão Lopes zugewandt waren, seit er auf der Insel lebte. Die Zeiten waren ja ultrabrutal damals, ein Menschenleben zählte nicht viel, und ich wäre nicht verwundert gewesen, wenn die ersten Seeleute, die Lopes auf der Insel antrafen, ihn einfach umgebracht hätten.

St. Helena wurde vor allem auf der Rückfahrt von Indien nach Portugal angelaufen. Aufgrund der vorherrschenden Winde wurde auf der Hinreise meist ein weiter Bogen nach Westen geschlagen.

Reiserouten Portugal - Indien
Vorlage: Wikipedia, CC BY-SA

Die Soldaten müssen nach Jahren im Kriegsdienst unvorstellbare Gräuel erlebt – und selbst begangen – haben. Viele von ihnen müsste man nach heutigen Maßstäben wohl als schwer traumatisiert bezeichnen. Auf der langen Rückreise hatten sie – zu weitgehender Untätigkeit verdammt – wohl erstmals Gelegenheit, den ganzen Schrecken und ihre Rolle darin zu reflektieren. Bei vielen mag sich da ihr Gewissen geregt haben, vielleicht besannen sie sich auf ihre Religion, die ja neben Feuer und Schwert durchaus auch Gnade und Mitgefühl kannte, und vielleicht sehnte sich ihre Seele nach etwas Ruhe und Frieden, und nach der Gelegenheit, auch einmal Gutes tun zu können.

Und hier kommt St. Helena und ihre besondere Aura ins Spiel: Die freundliche, im Kontrast zu den Erfahrungen der letzten Jahre geradezu paradiesische Insel, die am Wege lag, wird diese Gefühle noch verstärkt haben – und das schloss natürlich ihren mystischen Bewohner mit ein, der dann, nach einer sehr treffenden Formulierung, für „die Verkörperung von menschlichem Leid und Entfremdung“ gehalten wurde und so als willkommene Projektionsfläche für die erschöpften Seelen der Krieger diente.

Dass auch die Könige Portugals, offenbar ohne weitere Bedingungen, Gnade walten ließen (nach Azzam möglicherweise schon Manuel I 1515, sowie João III gegenüber Lopes um 1526) hat mich noch mehr verwundert. (Beim Papst nicht so sehr, das geschilderte Ritual gehört für mich eher zur routinemäßigen Außendarstellung der Katholischen Kirche.)

All dies passte so gar nicht zu meinem pessimistischen Menschenbild und ist für mich ein willkommener Anlass, selbiges mal zu reflektieren. So habe ich selbst auch etwas aus dieser Geschichte mitgenommen, wodurch ich irgendwie eine gewisse Dankbarkeit und Zuneigung gegenüber Fernão verspüre.

Leseprobe: Hugh Clifford – The Earliest Exile of St Helena

Ich mag ja diesen romantischen Stil. Wenn es gut geschrieben ist, bringt es durchaus etwas in mir zum Klingen. Wohltemperiertes Pathos muss nicht automatisch gleich Kitsch sein (siehe auch Stefan Zweig). Hier habe ich mal eine schöne Stelle als Beispiel herausgesucht:
(Übersetzt mit Hilfe von DeepL)

Er hatte mit den Menschen verkehrt und hatte gegen sie gesündigt; und die Menschen, die oft schneller mit Strafe bei der Hand sind als Gott, dem alle Rache gehört, hatten ihn schrecklich für seine Vergehen bezahlen lassen und ihn mit den unauslöschlichen Spuren ihres Zorns gezeichnet.

Und anstelle der Gemeinschaft mit seinesgleichen, der er also entsagte, anstelle der Kameradschaft der Menschen, die ihm so grausam mitgespielt hatten, suchte er Trost im stillen Zwiegespräch mit der Natur, der großen Mutter. Der jungfräuliche Wald ragte über ihm empor, die unberührten Strände lagen zu seinen Füßen, keine Stimme sprach zu ihm außer den Schreien der Seevögel, dem Gesang der im Laubwerk verborgenen Vögel, den geschäftigen Tönen unzähliger Urwaldinsekten und dem Seufzen der Brandung, die sich monoton an den menschenleeren Ufern brach. So saß er, blickte über die wogenden Gewässer, und die Ödnis der See dehnte sich bis zu einem vor Hitze dunstigen Horizont, und diese unermessliche Weite enthielt keinen Hinweis auf die Existenz der Menschheit.

Das dichte Geflecht des Waldes hinter ihm, gefüllt mit winzigem geschäftigem Leben und wilden, noch furchtlosen Tieren, ragte himmelwärts und schien den Menschen weiter entfernt zu sein als selbst das leere Meer und der leere Himmel. Es war ihm, als wäre er das einzige Wesen seiner Art in Gottes wundersamem Universum, und seine Einsamkeit erfüllte ihn mit seltsamer Freude.

J. C. Melliss 1875, (Gemeinfrei)

Die Liste meiner Notizen ist immer noch lang. Damit ihr erstmal was zu lesen habt (und damit der Aprilscherz nicht ewig da oben steht ;), mache ich hier nochmal einen Schnitt. Weitere Anmerkungen sowie sämtliche Quellenangaben folgen in einem weiteren Artikel.


Literatur

Gaspar Correia
Lendas da Índia
Livro segundo, Tomo II, Capitulo XXXIX
(16. Jahrhundert)
https://archive.org/details/lendasdaindiapubt2p1corr/page/316/mode/2up

Hugh Clifford, C.M.G.
The Earliest Exile of St Helena.
Blackwoods Edinburgh Magazine
Vol. CLXXIII 1903
S. 621
https://archive.org/stream/blackwoodsmagazi173edinuoft#page/620/mode/2up

Abdul Rahman Azzam
The Other Exile: The Remarkable Story of Fernão Lopes, the Island of St. Helena and a Paradise Lost
Icon Books, 2017
Auszugsweise auf Google Books

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