Die Karte des Piri Reis – Das Buch

Die Karte des Piri Reis kenne ich von ganz früher: Erich von Däniken erwähnte sie in seinem ersten Bestseller “Erinnerungen an die Zukunft” (1968). Er behauptete, die osmanische Weltkarte von 1513 gehe auf eine Jahrtausende alte Vorlage zurück, und sei so exakt, dass sie nur auf “Luftaufnahmen aus extremer Höhe” basieren könne. Als kleiner Junge fand ich die Vorstellung, dass Außerirdische lange vor den Anfängen unserer Zivilisation die Erde besucht haben sollten, natürlich wahnsinnig spannend.

Mein Vater hielt mit seiner Skepsis nicht hinterm Berg und hat schon damals erste Zweifel gesät. Aber ich wollte, dass es so ist, wie Däniken es beschrieb!

Mit den Jahren kam ich nach und nach dahinter, was die wissenschaftliche Methode ausmacht. Noch immer hoffte ich, dass einige Postulate der Prä-Astronautik ein Körnchen Wahrheit enthalten könnten – oder dass zumindest die Möglichkeit jahrzehntausendealter Hochkulturen, wie sie etwa Charles H. Hapgood postuliert, nicht ganz vom Tisch gewischt werden möge.

Hapgood, Historiker und Anthropologe, hat die Piri-Reis-Karte in den 1960er-Jahren erforscht und seine Ergebnisse in dem Buch “Die Weltkarten der alten Seefahrer” (1966) zusammengefasst. Auf seine hochspekulative These, dass viele Weltkarten des Mittelalters und der Antike auf eine uralte globale Hochkultur zurückgingen, berief sich dann von Däniken, der die Astronautengötter ins Spiel brachte, und so die Piri-Reis-Karte weltbekannt machte.

Ich bekam die Gelegenheit, einige der Däniken-Schauplätze in Lateinamerika mit eigenen Augen zu sehen, und verfolgte mit großem Interesse die Entzifferung der Maya-Schrift in den 1980er-Jahren, welche schließlich eindeutig ergab, dass die Grabplatte von Palenque keinen Raumfahrer darstellte (schade eigentlich).

Uxmal Chichen Itza Palenque

Noch immer finde ich einige der Däniken-Stories bemerkenswert. Sie konnten bis heute einen Teil ihres Geheimnisses bewahren, etwa die irren Space-Visionen des Propheten Hesekiel, die Monumentalbauten der Inkas – und die teils erstaunliche Genauigkeit uralter Karten.

Aliens hin oder her – auch eine ergebnisoffene Erforschung dieser Bereiche verspricht allemal spannende Wissenschaft!

Das Buch

Für diese Rezension wollte ich die bisherige Forschungsgeschichte zur Piri-Reis-Karte nochmal nachvollziehen, führte mir also auch den Hapgood nochmal zu Gemüte und recherchierte seinen Indizien hinterher. Dabei geriet ich immer tiefer in die Geschichte der Kartografie und ihre schier unendlichen Interpretationsmöglichkeiten hinein, so dass es mir schwer fiel, ein Ende zu finden (um endlich mal diesen Artikel anzufangen!). Die Unzahl von interessanten Rätseln und losen Enden aus der Geschichte der Entdeckung der Welt sprengten bald den Rahmen einer Buchkritik, so dass ich all das in weiteren Artikeln behandeln werde und mich hier erstmal auf das Buch beschränke.

Die Autorin, Susanne Billig, ist Wissenschaftsjournalistin, schreibt aber auch Romane und Drehbücher. Dieses Buch ist, wie sie in der Einleitung vermerkt, eine Auftragsarbeit des C.H.Beck-Verlages. Die Karte des Piri Reis dient ihr als “roter Faden” für den eigentlichen Anlass des Buches: eine Würdigung der Arbeit des Islamwissenschaftlers Fuat Sezgin.

Der Forscher

Geboren 1924 in der Türkei, kam Fuat Sezgin 1961 nach Frankfurt, wo er an der Goethe-Universität in Geschichte der arabisch-islamischen Wissenschaft habilitierte. Sein Hauptwerk ist die 17-Bändige Geschichte des Arabischen Schrifttums, die heute als Standardwerk in diesem Bereich gilt.

Das Buch von Susanne Billig basiert vor allem auf den Bänden zur Astronomie, Geografie, Kartografie und Nautik, und stellt Sezgins Forschungen in “verdichteter und allgemeinverständlicher” Form vor. Das ist ihr auf jeden Fall gut gelungen.

Ziel von Sezgins Arbeit war es, aufzuzeigen, dass die arabisch-islamischen Gelehrten des Mittelalters sehr viel mehr geleistet haben, als nur die Werke der alten Griechen zu übersetzen und so für spätere Generationen zu erhalten. Die Wissenschaft in der Blütezeit des Islam war durchaus originär und ging laut Sezgin weit über die bloße Vermittlerrolle hinaus, die die westliche Wissenschaftsgeschichte ihr zuzugestehen bereit war.

Susanne Billig beschreibt es so:

Ein Thema kam dabei viel zu kurz: der gewaltige Einfluss der arabisch-islamischen Wissenschaft auf das Abendland. Dieser blinde Fleck der Forschung hat Fuat Sezgin als Wissenschaftshistoriker seit vielen Jahrzehnten dazu motiviert zu untersuchen, auf welch vielfältige und tiefgreifende Weise der Westen im ausgehenden Mittelalter und in der Neuzeit von den wissenschaftlichen Leistungen des arabisch-islamischen Kulturraums beeinflusst und geprägt wurde – ein Einfluss, der bis heute nachwirkt.

Ganz fremd ist mir das nicht. Ich habe es durchaus so wahrgenommen, dass das Thema seit einigen Jahren verstärkt in den Fokus gerückt ist, und – zumindest im Bereich der Populärwissenschaft (Zeitschriften, Fernsehdokus) – die Leistungen der arabisch-islamischen Wissenschaftler des Mittelalters auch zunehmend angemessen gewürdigt werden.

Fuat Sezgin erforschte nicht nur Karten und Manuskripte in ganz Europa und dem Nahen Osten. Er rekonstruierte auch hunderte von wissenschaftlichen Instrumenten und baute sie als Modelle nach: Kompasse, Astrolabien, Himmelsgloben, die beeindruckenden Mauerquadranten und ganze Sternwarten aus der großen Zeit der arabisch-islamischen Wissenschaft des Mittelalters. Diese Sammlung ist heute im Museum des Institutes für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften ausgestellt. (Da auf der Website des Instituts keine Öffnungszeiten stehen, habe ich dort per E-Mail angefragt, und wurde informiert, dass die Sammlung – entgegen den Angaben im Buch – nicht öffentlich zugänglich ist. Sehr schade!)

Während ich dieses Buch und seine Schriften las, ist Fuat Sezgin am 30. Juni 2018 im Alter von 93 Jahren verstorben.

Die These

Die Araber hatten Jahrhundertelang den Indischen Ozean bereist und kartografiert, sie sind bis Südostasien und China, und möglicherweise auch schon ins südliche Polarmeer gesegelt. Das Buch vertritt die These, dass arabische Seefahrer auch vor Kolumbus schon Amerika erreicht hätten. Dies wird vor allem – verkürzt gesagt – mit der langen Tradition in Seefahrt und Nautik begründet – und mit der Darstellung der Ostküste Südamerikas auf der Piri-Reis-Karte. Piri Reis selbst (ein Türke) beruft sich auf portugiesische Quellen und eben Kolumbus. Billig und Sezgin vermuten, dass europäische Entdecker wie Kolumbus und Magellan im Besitz von Seekarten waren, die auf die Araber zurückgingen und die Amerika schon zeigten. Sie verweisen darauf, dass die westlichen Methoden der Ortsbestimmung für so detaillierte Karten gar nicht ausreichend gewesen wären. Tatsächlich haben sich sowohl Kolumbus als auch Magellan bei ihren wenigen Versuchen der Ortsbestimmung nicht gerade mit Ruhm bekleckert – vor allem bei den Längengraden lagen sie oft eklatant daneben.

Die Piri-Reis-Karte
Die Piri-Reis-Karte von 1513. Nur der westliche Teil ist erhalten. Links die Küste Amerikas, rechts oben sind Westafrika und Spanien zu erkennen.

Generell halte ich es für gut möglich, dass Kolumbus nicht der erste war, der Amerika erreichte (die Wikinger lassen wir hier mal außen vor). Ich halte es für vermessen, der gesamten Menschheit vor Kolumbus derartige seemännische Fähigkeiten grundsätzlich abzusprechen. Es gibt starke Indizien, dass auch die Phönizier, die Karthager und andere alte Seevölker möglicherweise schon den Atlantik gen Westen überquert hatten – ein echter Beweis dafür steht allerdings bis heute aus.

Warum also nicht auch die Araber? Sezgins These klingt in der Zusammenschau recht überzeugend, hat aber die gleiche Schwäche wie die vorgenannten:

Arabische Originaldokumente und -karten, die zweifelsfrei belegen könnten, dass arabische Seefahrer mit der Küste Brasiliens und einiger karibischer Inseln in Kontakt kamen, existieren leider nicht mehr.

(“existieren nicht mehr” finde ich zu kategorisch formuliert; “… wurden bis heute nicht gefunden” träfe es wohl eher …)

Die Piri-Reis-Karte und die Entdeckung Amerikas werden erst ganz am Ende des Buches behandelt. Wie immer man zu der These stehen mag: der eigentliche Wert des Buches liegt für mich darin, dass es ein hervorragendes Kompendium über die arabisch-islamische Wissenschaft des Mittelalters ist, welches ich sicher noch oft als Nachschlagewerk verwenden werde. Einen so guten Überblick über dieses Thema hatte ich mir schon lange gewünscht. Allein das Kapitel über die alten arabischen Geografen – von denen viele auch bemerkenswerte und leidenschaftliche Globetrotter waren – ist Gold wert.

Die politische Dimension

Hinzu kommt, dass ich die zunehmend islamfeindliche Stimmung hierzulande mit großer Sorge beobachte. Auch darum halte ich Fuat Sezgins Forschungsarbeiten für sehr aktuell und ein weithin verständliches Buch darüber für ein wichtiges Korrektiv in den gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Debatten.

Soweit gebe ich Susanne Billig Recht. Gerade in diesen Zeiten ist es immer wertvoll, auf das hinzuweisen, was uns verbindet, und nicht immer nur die Unterschiede zwischen den Kulturen herauszustellen.

Leider kann die Autorin sich einiger polemischer Spitzen selbst nicht enthalten, was mich an diesem sonst so gelungenen Buch einige Male geärgert hat. So bezeichnet sie die portugiesischen und spanischen Entdeckungsreisenden gern als “angebliche Entdecker” oder schreibt das Wort “Entdecker” schlicht in Anführungszeichen. Damit tut sie diesen wackeren Seefahrern bitter unrecht. Wer sich auf eine Entdeckungsreise begibt, wer all diese Härten und Entbehrungen einer Fahrt ins Ungewisse auf sich nimmt, der ist ein Entdecker! Punkt. Und da ist es egal, woher das spärliche Kartenmaterial, welches sie bei sich hatten, eventuell ursprüglich gestammt hat. Mit dieser Art von Parteilichkeit macht sich die Autorin nur angreifbar, das hätte sie sich wirklich sparen können.

Später sah ich, dass Billig diese Schreibweisen direkt von Sezgin übernommen hat, der es in seinen – ansonsten sehr sachlichen – Schriften mehrfach genauso hält.

Schwamm drüber. Fuat Sezgins Werk ist eine echte Entdeckung und das Buch habe ich mit Gewinn gelesen. Ich bin dankbar, dass es mich wieder in die magische Welt des Zeitalters der Entdeckungsreisen geführt hat, dass es mich veranlasste, speziell die Geschichte der Weltkarten am Beginn der Neuzeit eingehender als je zuvor zu studieren, und dadurch etliche neue Stories zu entdecken, die es sich zu schreiben lohnt.

Fazit

Das Buch bietet einen hervorragenden Überblick über die arabisch-islamische Wissenschaft zu ihrer Blütezeit. Dafür, dass die Piri-Reis-Karte im Titel steht, kommt sie etwas kurz. Wer speziell darüber mehr wissen möchte, dem möchte ich die Schriften von Fuat Sezgin selbst empfehlen, vor allem diese hier:

Die Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch muslimische Seefahrer vor Kolumbus.
In: Geschichte des Arabischen Schrifttums. Band XIII (2006), PDF 2,6 MB
http://www.uni-frankfurt.de/59003140/Sezgin_deutsch.pdf


Susanne Billig
Die Karte des Piri Re’is
Das vergessene Wissen der Araber und die Entdeckung Amerikas
C.H.Beck 2017
ISBN 978-3406713514

2 Kommentare

  1. “die Entzifferung der Maya-Schrift in den 1980er-Jahren, welche schließlich eindeutig ergab, dass die Grabplatte von Palenque keinen Raumfahrer darstellte”
    Daß dort keine Raumfahrer dargestellt sind, war ja a priori klar.
    Aber wo kann man über die angesprochenen Übersetzungen mehr lesen ?

  2. Hallo Franz Xaver Süßmayer,
    mir war das nicht a priori klar. Damals war ich noch sehr jung und noch von von Däniken beeinflusst. Ich musste erst nach und nach lernen, was echte Wissenschaft ausmacht.

    Die Entzifferung der Maya-Schrift habe ich in Bild der Wissenschaft verfolgt, welche mein Vater schon immer abonniert hatte.

    Zum Lesen wüsste ich jetzt gerade nichts. Aber ich kann diesen Dokumentarfilm sehr empfehlen, der die ganze Geschichte hervorragend und ausführlich erklärt:

    Der Maya-Code – Arte TV
    https://vimeo.com/31712874

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